Hannah FischerVIEW PROFILE →
Die Tokenisierung der realen Welt: Wie Anleihen und Immobilien auf die Blockchain wandern
Jenseits der Bitcoin-Schwankungen vollzieht sich eine stille Revolution: Die Tokenisierung realer Vermögenswerte. Ein Markt in Milliardenhöhe, bei dem Deutschland überraschend weit vorne liegt.
Während die öffentliche Aufmerksamkeit meist am schwankenden Bitcoin-Kurs hängt, vollzieht sich im Hintergrund eine viel grundlegendere Revolution der Finanzwelt. Es geht um die Tokenisierung realer Vermögenswerte, im Fachjargon Real World Assets genannt: Anleihen, Fonds oder Immobilien werden dabei als digitale Token auf einer Blockchain abgebildet und handelbar gemacht.
Ein Markt, der rasant wächst
Die Zahlen sind beeindruckend. Auf öffentlichen Blockchains erreichte der Wert tokenisierter realer Vermögenswerte Mitte 2026 mehr als 30 Milliarden Dollar, ein Plus von rund 400 Prozent seit Anfang 2025. Größtes Segment sind tokenisierte US-Staatsanleihen mit sieben bis neun Milliarden Dollar; allein BlackRocks BUIDL-Fonds kommt auf über 2,8 Milliarden. Die Beratung BCG hält bis 2030 sogar 16 Billionen Dollar für möglich.
Siemens als deutscher Vorreiter
Bemerkenswert ist, wie weit vorne Deutschland dabei mitspielt. Vorreiter ist der Konzern Siemens, der bereits 2023 eine erste digitale Anleihe über 60 Millionen Euro auf der Blockchain begab und später eine weitere über 300 Millionen Euro folgen ließ. In diese investierten namhafte Häuser wie die BayernLB, die DekaBank, die DZ BANK, die Helaba und die LBBW, abgesichert durch das deutsche Gesetz über elektronische Wertpapiere.
Bundesbank und Börse ziehen mit

Auch die Infrastruktur reift heran. Die 300-Millionen-Anleihe wurde über die Blockchain SWIAT abgewickelt, unter Nutzung der sogenannten Trigger-Lösung der Bundesbank für die Zahlung in Zentralbankgeld. Der erste Handel am Sekundärmarkt lief anschließend über die Plattform 360X, die eine von nur vier Lizenzen im europäischen DLT-Pilotregime besitzt und von der Deutschen Börse und der Commerzbank getragen wird.
Warum das die Finanzwelt verändert
Der Reiz der Tokenisierung liegt in ihren praktischen Vorteilen: nahezu sofortige Abwicklung von Geschäften, weniger Zwischenhändler, die Möglichkeit von Bruchteilseigentum und ein potenziell rund um die Uhr laufender Handel. Anders als bei rein spekulativen Kryptowährungen geht es hier um etablierte Vermögenswerte, was gerade institutionelle Investoren zunehmend anzieht.
Noch sind längst nicht alle Hürden genommen: Es fehlt an einheitlichen Standards, ausreichender Liquidität und endgültiger regulatorischer Klarheit. Doch wenn die optimistischen Prognosen auch nur annähernd zutreffen, könnte die Tokenisierung den Sprung vom Experiment zum handfesten Milliardenmarkt schaffen, und Deutschland hätte sich früh eine gute Ausgangsposition gesichert.






